Eine Wolke besteht aus folgenden Substanzen: Farbe, Musik, Geruch, Schlaf und Wasser. Manchmal regnet es etwas anderes als Wasser, was aber nur wenige Menschen bemerken. (Yoko Ono)

15.11.2010

Die Reise


Die Reise
Hier beginnt meine Reise mit dem fliegenden Teppich. In meinem Garten, zwischen Hollywoodschaukel und Blumenbeet. Ich sage niemandem Tschüss, denn ich komme ja schon bald wieder zurück, ungefähr zur AbendbrotZeit.
 Als erstes möchte ich nach England fliegen, da war ich noch nie. Die Seeluft schneidet mir ein Bisschen ins Gesicht, während ich über den Ärmelkanal fliege, aber was macht das denn schon, wenn man weiß, dass man am Leben ist.
Als erstes fliege ich zum Buckingham Palast und spucke der Queen in den Tee.
Das war vielleicht nicht gerade höflich, aber die Versuchung war zu groß.
 Allgemein ist der Versuchung irgendwo runter zu spucken sehr groß, wenn man ganz weit oben fliegt.  Ich sause durch die Straßen Londons und bringe so manchen Großstädter zum staunen, nur die Palastwache behält ihre steinerne Miene. 
Wer stellt denn jemanden ein, der nicht einmal staunen kann, wenn ein fliegender Teppich an ihm vorbeidüst? Komischer Volk, die Engländer.
 Jetzt muss ich aber noch unbedingt nach Escot, die Pferde beim Rennen überholen und den Damen in der Tribüne den Hut klauen. Einer ist besonders lustig, er ist knallpink und hat die Form eines Pferdes. Den behalte ich, gebe der Dame dafür aber Geld, schließlich bin ich kein Dieb. Nur ein Reisender mit Teppich und Hut.
So schick herausgeputzt muss ich natürlich noch einen Abstecher in Paris machen. Ich sehe schöne, alte Straßen, über die so manches Gedicht geschrieben wurde. Leider fällt mir keines ein, zum Ersatz singe ich ein kleines Lied, das ich heute Morgen noch im Radio gehört habe.
 Es ist so einfach eine feierliche Stimmung zu erzeugen, wenn einem danach ist.
Natürlich möchte ich noch den Eifelturm besuchen, muss aber natürlich nicht anstehen, um ganz auf die Spitze zu kommen. Ein weiterer Vorteil des Fliegens. Was für ein Ausblick! Man kann das ganze Leben der Stadt beobachten.
 Die Autofahrer, die schnell nach Hause wollen, die Radfahrer, die alle ebenfalls ein Ziel haben.  Aber am interessantesten sind die Fußgänger. Man sieht Geschäftsmänner mit Coffee to go, Familien, die sich streiten und Familien, die sich nicht streiten. Es gibt Leute, die schnell zum nächsten Bus rennen und dann noch Leute, die einfach durch die Stadt flanieren.
Liebespaare, alte Professoren, Stadtschönheiten und die einsamen Menschen, die es nicht an einem Ort hält. Ach, hätten sie doch auch alle einen Teppich!
Aber auch ich muss weiter, es gibt heute noch viel zu sehen. Als nächstes geht meine Reise nach Saudi Arabien, wo ich hoffe, andere Teppichflieger zu treffen.  Tatsächlich tue ich das auch. Zuerst tauschen wir uns aus, über unsere Abenteuer. Ich erzähle von der Queen, meinem Hut und den Passanten in Paris, alle lauschen gebannt, das macht mich dann doch sehr verlegen.  Dann erzählen die anderen Teppichflieger von fernen Länder, Tieren, Gewürzen, Geliebten, die sie zurück gelassen haben.  Es ist wirklich alles sehr ergreifen und die Zeit rennt nur so, während wir plaudern. Mir werden auch nützliche Tricks beigebracht, zum Beispiel, wie man während des Fluges ein Brot toastet, ohne dass es einem den Teppich versaut. Während wir so reden, habe ich gar nicht gemerkt, dass wir in der Wüste angekommen sind. Es ist sehr heiß und sehr trocken und zum Glück habe ich eine große Flasche Wasser mitgenommen, die ich austrinke. Aber lange bleibe ich nicht in der Wüste, diese Landschaft gefällt mir gar nicht. Auch wenn das heißt, dass ich mich von meinen neuen Freunden verabschieden muss. Ich fliege lieber weiter Richtung Indien, wo ich eine Herde Elefanten treffe. Auch sie haben gelernt zu fliegen; mit ihren Ohren. Also können wir ein Stück zusammen reisen. Es stimmt übrigens, was man sich über Elefanten erzählt. Sie haben ein legendäres Gedächtnis und kennen viele Rätsel, Geschichte und Witze. Was für eine Gesellschaft!
Eine Pointe jagt die andere und auf Tränen der Rührung folgt ein heiterer Abschluss einer Geschichte. Auch ein passendes Gedicht über Paris haben mir die Elefanten beigebracht. Ach hätte ich es doch nur vorher gekannt! Zum Dank singe ich ihnen mein Lied vor, das ich auch in Paris gesungen habe, in dem Wissen, dass die Elefanten es wohl nie wieder vergessen werden. Schließlich wird die Herde vom Hunger nach Hause getrieben und ich bleibe alleine übrig mit meinen neuen Geschichten, Witzen, Rätseln. Wer reist, ist manchmal einsam, hat aber immer so viel zu erzählen, wenn er neue Bekanntschaften macht, dass er überall schnell neue Freunde trifft. Das gefällt mir. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, um wieder aufzubrechen. Dieses Mal möchte ich nach China. Ich fliege hoch in die Atmosphäre und hole mir mit einem Eimer etwas Farbe vom Regenbogen. Jeder Künstler hätte gestaunt bei dieser Auswahl an Farben. Dann fliege ich heimlich zur großen Mauer und bemale sie.  Mit empörten Engländern, flanierenden Franzosen, fliegenden Arabern und geselligen Elefanten. Es ist toll geworden! Trotzdem sind die Chinesen empört. Banausen! I
ch fliege schnell weiter nach Japan. Erst einmal wohne ich einer richtigen Teezeremonie bei, sehr interessant ist das alles. Auch ein echter Samurai ist anwesend. Ich stelle ihm ein Rätsel der Elefanten, er kann es nicht lösen, also muss er mir den Schwertkampf beibringen. Der Samurai ist ein strenger Lehrer, aber auch ein sehr freundlicher. Schnell weg, bevor ich mich noch verliebe und hier bleiben muss!
 Dafür hat mein Samurai leider gar kein Verständnis, aber ich bin nun mal eine Reisende und Reisende reisen.
Wo will ich denn als nächstes hin? Vielleicht nach Australien zum Surfen? Geht nicht vom Teppich aus? Schade. Na, dann tauche ich eben. Ich lande in einem Riff voller Korallen und Fische, die mir zeigen, wie der Sonnenuntergang unter Wasser aussieht. Kein Wunder, dass sie nie auftauchen wollen! Als die Sonne schließlich untergegangen ist,  singen die Korallen etwas, das ein Bisschen wie eine Hymne klingt. Diese Gelegenheit nutze ich, um zu verschwinden. Ich bin schon sehr müde und zu Hause ist es schon spät. Oh, man scheint mich doch vermisst zu haben!
Wo ich gewesen bin, wollen sie wissen. Also erzähle ich von England, Frankreich, den Geschichten der anderen Teppichfliegern, den lustigen Elefanten und den singenden Korallen. Nur von meinem Samurai kann ich nicht erzählen. Meine Geschichte macht die anderen sehr böse, sie sagen mir, ich sollte nicht immer ausbrechen, alle Schwestern hätten mich schon gesucht.
 Dann erklären sie mir, dass ich anfangen sollte in der Realität zu leben und geben mir Drogen, damit ich dorthin zurückfinde.
Ich hoffe der Leser bemerkt dieses Paradoxon. Na gut, ich verstehe, Sie sind verstimmt, aber hätte ich von Anfang an erzählt, in welcher Anstalt ich lebe, hätten Sie mir nie zugehört. Dann hätten Sie den Kopf geschüttelt und auf die Gesellschaft geschimpft. Sie hätten nie die Elefanten getroffen und sich nie in den Samurai verliebt und auch nie den Sonnenuntergang unter Wasser erlebt.  Sie hätten nämlich gesagt, ich wäre verrückt, weil ein Doktor das auch sagt. Nun sage aber ich, Sie sind verrückt.  Ich weiß aber nicht, was Sie verrückt macht, die Tatsache, dass Sie mit Elefanten gesprochen haben? Oder die Tatsache, dass Sie jetzt leugnen, dass Sie es getan haben? Vielleicht aber auch, Ihre Überzeugung, dass es keine fliegende Teppiche gibt, nachdem Sie einen ganzen Nachmittag auf einem geflogen sind?
Aber im Moment kann ich nicht scharf denken, die Drogen. Sie müssen wohl selbst den Grund Ihrer Verrücktheit herausfinden. Bitte verwahren Sie doch solange Teppich und Hut für mich, bis ich mich für ein weiteres Abenteuer hinausschleichen kann. Gute Nacht.

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